Gewerbeimmobilien in Bremen gesucht

Anja Stahmann

ist die Bremer Senatorin für Soziales, Jugend, Integration und Sport.

Die Senatorische Behörde kümmert sich aktuell auch um die Unterbringung Schutzsuchender aus der Ukraine.

Für Menschen, die aufgrund der aktuellen Lage aus der Ukraine fliehen, wird auch in Bremen dringend Wohnraum gesucht. Mit wie vielen Menschen rechnen Sie in der Hansestadt? Wie ist die Lage derzeit – sind bereits Ukrainerinnen und Ukrainer vor Ort angekommen und wo werden diese untergebracht?

Anja Stahmann: Es gibt derzeit keine verlässlichen Zahlen. Das ist angesichts der dramatischen Lage in diesem Überfall auf die Ukraine auch nicht zu erwarten. Ganz grob geschätzt gehen wir davon aus, dass wir in Bremen 3800 Menschen aufnehmen werden. Dem liegt eine Schätzung auf EU-Ebene zugrunde, die davon ausgeht, dass die meisten Ukrainer zunächst zu Verwandten im Ausland fliehen werden. Wo heute viele Ukrainerinnen und Ukrainer leben, dort werden auch viele Flüchtlinge erwartet. Deutschland steht dabei nicht an erster Stelle in Europa, aber es leben hier rund 160.000 Menschen aus der Ukraine.

Als Unterkünfte für die Schutzsuchenden könnten neben Wohnobjekten auch Gewerbeimmobilien zur Verfügung gestellt werden. Wie können bisher gewerblich genutzte Flächen umgenutzt und für diesen Zweck eingesetzt werden?

Die Umnutzung von Gewerbeimmobilien für Wohnzwecke ist kein Selbstgänger. Es sind Umbauten erforderlich, natürlich in den Sanitärbereichen, und eine große Hürde ist immer wieder der Brandschutz. Es macht eben einen Unterschied, ob ein Gebäude nur tagsüber genutzt wird, oder ob darin auch Menschen übernachten.

Gibt es in der Stadt schon erste Nutzungen dieser Art oder Eigentümer, die sich bei Ihnen gemeldet haben?

In der Zeit der starken Zuzüge 2014 bis 2016 haben wir einige Bürogebäude angemietet, die für unsere Zwecke eigens umgebaut worden sind. Denken Sie nur an die Erstaufnahme in der Lindenstraße in Vegesack, das ehemalige Verwaltungsgebäude der Bremer Vulkan AG, mit seinen 19.000 Quadratmetern Fläche auf fünf Stockwerken, das in zwei Bauabschnitten hergerichtet worden ist. Der eine Flügel ist innerhalb relativ kurzer Zeit zur Notunterkunft umgebaut worden. Wir haben damals nur Kabinen einrichten lassen und keine geschlossenen Räume mit Wänden, die bis an die Decke reichten. Für einen vorübergehenden Aufenthalt und als Notunterkunft war das vertretbar, aber ein Dauerzustand ist das nicht.

Die Planungen für den weiteren Ausbau sind jetzt abgeschlossen. Im Sommer sollen die Kabinen durch richtige Zimmer ersetzt werden. Der zweite Flügel ist damals mit deutlich mehr Zeit ausgebaut worden und hat einen entsprechend höheren Standard. Oder die Dependance der Erstaufnahme an der Alfred-Faust-Straße, die nach zehn Monaten Umbauzeit fertig geworden ist. Wir haben das Gebäude mit einer Gesamtfläche von knapp 4800 Quadratmetern für 15 Jahre angemietet und so die Kosten für den Umbau abgesichert. Umgenutzte Bürogebäude haben wir aber auch im Staphaniviertel und in Hastedt angemietet.

Geflüchtete aus der Ukraine stehen mit ihrem Gepäck vor den Gebäuden eines Flüchtlingsheims in Köln. Auch in Bremen werden zurzeit Unterkünfte gesucht – neben Wohnungen und Häusern kommen auch bisher gewerblich genutzte Objekte infrage.

Welche Auflagen gibt es für die Flächen, wenn sie als Unterkünfte dienen sollen?

Die Auflagen sind hoch, das kann ich alles gar nicht referieren. Vor allem der Brandschutz wird sehr ernst genommen. Wir hatten in den Jahren des starken Zugangs von Geflüchteten auch die Möglichkeit, in Gewerbegebieten Wohnnutzung anzubieten. Das ist derzeit nicht mehr der Fall, darüber wird man aber nachdenken müssen, wenn immer mehr Menschen kommen sollen.

Wer übernimmt die Kosten für die Unterbringung und die Ausstattung sowie den
Betrieb der Immobilie in dieser Zeit?

Die Investitionen in die Immobilie lassen sich über die Höhe der Miete und die Laufzeit der Verträge refinanzieren. In der Regel sorgen wir für die Möblierung selber.

Wie läuft der Prozess derzeit ab, wenn jemand eine Fläche zur Verfügung stellen möchte? An wen kann man sich wenden und welche Informationen werden benötigt?

Wer eine Immobilie für einige Zeit zur Verfügung stellen kann, wird gebeten, sie unter der Mailadresse wohnraum@soziales.bremen.de zu melden. Die Kolleginnen und Kollegen priorisieren die Angebote und arbeiten sie dann nach und nach ab. Der Bereich ist personell gerade wieder im Aufbau, wir bitten daher um etwas Geduld. Es ist aber sichergestellt, dass jedes Angebot bewertet wird.

Die Fragen stellte Lisa Janzen.

(Portrait: Freie Hansestadt Bremen / Foto Artikel: Henning Kaiser/DPA)