Alle Beteiligten frühzeitig einbeziehen

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ist Vorsitzender der Geschäftsführung
der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH

Herr Heyer, Sie führten bereits aus, dass der Bedarf an Logistikimmobilien, unter anderem durch den Onlinehandel, weiterhin ansteigt. Kann die hohe Nachfrage nach geeigneten Flächen in Bremen gedeckt werden?

Andreas Heyer: Die Leerstandquote sank 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 1 Prozent auf 2,1 Prozent und liegt damit auf einem sehr niedrigen Niveau. Zwar kann der aktuelle Bedarf gedeckt werden – ein sehr niedriger Leerstand erschwert es jedoch, auf Marktschwankungen zu reagieren. Potenziale bietet der Standort aber genug: Zum Beispiel mit Flächenentwicklungen im Gewerbepark Hansalinie für die Automobillogistik. Oder auch mit dem interkommunalen Gewerbegebiet Achim-West. Erstmals plant Bremen gemeinsam mit seiner niedersächsischen Nachbargemeinde ein neues Gewerbegebiet: Es soll am Bremer Kreuz auf einer Fläche von 90 Hektar entstehen. Weiteres Entwicklungspotenzial gibt es im Bereich der Industriehäfen, wo bestehende Flächen neu belegt und effizienter ausgenutzt werden können. Um den weiter steigenden Bedarf bedienen zu können, bedarf es neuer Konzepte und Ansätze. Mit dem Gewerbeentwicklungsprogramm 2030 geht Bremen diesen Weg. Wichtige Themen sind hier die nachhaltige Nachverdichtung und Aktivierung von Flächenreserven und die Steigerung der Flächeneffizienz.

Wie können denn bestehende Immobilien besser genutzt werden? Und wie ist es möglich, die Akzeptanz des hohen Flächenverbrauchs in der Gesellschaft zu steigern?

Akzeptanz ist eine Frage des gesellschaftlichen Konsenses. Deshalb ist es wichtig, in den künftigen Überlegungen rund um die Entwicklung von Logistikflächen alle Beteiligten frühzeitig mit einzubeziehen: von der Stadtplanung, Investorinnen und Investoren sowie Projektentwicklerinnen und -entwicklern bis hin zu Mieterinnen und Mietern und der Gesamtöffentlichkeit. In Bremen wird dies etwa bei der Aufstellung des Gewerbeflächenentwicklungsprogramms „GEP 2030“ schon umgesetzt. Um die Akzeptanz zu steigern, gilt es, vorhandene, brachliegende oder bereits bebaute, sanierungsbedürftige Flächen neu zu belegen und effizienter auszunutzen. Dies fällt auch unter den Begriff „Brownfield-Investment“. Da die Flächenbilanz neutral bleibt, steigt die gesellschaftliche Akzeptanz dieser Projekte.

Wie werden bei einem solchen Vorgehen die verschiedenen Nachhaltigkeitsaspekte bestmöglich berücksichtigt?

Sowohl bei bestehenden als auch bei neu zu entwickelnden Flächen kommt der nachhaltigen Logistik eine wichtige Aufgabe zu, um die gesamtgesellschaftliche Akzeptanz zu steigern. Mit ihr einhergehend können auch Innovationen den Blick auf die Branche verändern. Das gilt nicht nur für Fragen der Energieeffizienz – ob nun Photovoltaik, Elektromobilität oder moderne Dämmung –, sondern auch für die Arbeit: indem sie Beschäftigten neue Arbeitsmittel und -erleichterungen zur Verfügung stellt. Hier bieten die Digitalisierung und Robotik deutliche Potenziale. Sie werden in Bremen durch Institute, zum Beispiel durch das BIBA, dem Bremer Institut für Produktion und Logistik, erforscht und durch Angebote wie die des Mittelstand 4.0-Zentrums der WFB in die mittelständischen Unternehmen getragen. Diese Felder schaffen die Grundlage für eine höhere Akzeptanz und damit auch für ein nachhaltigeres Wachstum in der Logistikbranche. Nicht zu vergessen ist, dass die Logistik auch immer in ihrer Bedeutung für den Industriestandort Bremen gesehen werden muss. Logistikprozesse sichern die kontinuierliche Industrieproduktion und damit Arbeitsplätze in einem erheblichen Ausmaß. Ein Beispiel ist etwa die starke Automobillogistik in Bremen.

Neue und bestehende Logistikflächen brauchen gesellschaftliche Akzeptanz.

Welche Konzepte werden konkret auf dem Weg zur „grünen Logistik“ für den Umweltschutz und die Erreichung der Klimaziele in Bremen umgesetzt oder angestrebt?

Mit der Ende Mai 2021 vorgestellten Strategie für Klimaschutz, Klimaanpassung und Biodiversität bei der Erschließung neuer Gewerbegebiete wird Bremen auch für eine nachhaltige Logistikinfrastruktur stehen. Die Strategie wurde gemeinsam von der
Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Europa und der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH unter Beteiligung der Senatorin für Klimaschutz, Umwelt, Mobilität, Stadtentwicklung und Wohnungsbau erarbeitet. Durch die umweltbewusste Ausrichtung von Gewerbegebieten kann Bremen seine Anziehungskraft für neue Ansiedlungen und Fachkräfte steigern und den Bestandsunternehmen weiterhin eine gute Perspektive für ihre Entwicklung bieten. Denn bereits heute achten Investorinnen und Investoren mit den sogenannten „ESG-Kriterien“ auf Nachhaltigkeitsaspekte bei der Suche nach neuen Anlageobjekten. In Zukunft wird eine klimaneutrale Ausrichtung von Immobilien, aber auch vom Standort insgesamt ein immer stärkeres Auswahlkriterium für Projektentwickelnde wie auch Anlegerinnen und Anleger sein – zumal die höheren Kosten einer nachhaltigen Bauweise langfristigen Einsparungen durch die höhere Energieeffizienz, geringeren Ausgaben, zum Beispiel durch Solaranlagen, und geringeren Abgaben, wie durch Elektromobilität, entgegenstehen.

In welchen Bereichen werden die im Rahmen der neuen Strategie geplanten Maßnahmen unter anderem umgesetzt?

Die vorgelegte Strategie beinhaltet, dass bei der Neu- aber auch der Bestandsentwicklung von Gewerbeflächen künftig Nachhaltigkeitsaspekte besonders berücksichtigt werden. Dabei sollen auch die Voraussetzungen für leistungsfähige und nachhaltige Mobilitätslösungen geschaffen werden, denn diese wirken sich positiv auf den Klimaschutz aus und verbessern die Erreichbarkeit der Standorte. Außerdem gilt es, die Gebiete und Unternehmen energieeffizienter zu machen und klimafreundlich mit erneuerbarer Energie zu versorgen. Hierbei wird die Solarenergie eine große Rolle spielen. Es wird aber auch sorgfältig geprüft, wie sich die bestehenden Windenergieanlagen einbinden lassen. Auch sollen der Schutz der Natur und der biologischen Vielfalt bei der Wirtschaftsentwicklung stärker in den Fokus genommen werden, indem mehr Grün- und Wasserflächen erhalten oder geschaffen werden. Des Weiteren geht es um die verantwortungsbewusste Ressourcennutzung, die Vermeidung von Abfällen und ein effizientes Recycling mit möglichst geschlossenen Kreisläufen. Auch sind die städtebaulichen Strukturen an die Herausforderungen des Klimaschutzes und Klimawandels anzupassen: Mit Flächen wird dabei sparsam und effizient umgegangen, vorhandene Wirtschaftsstandorte werden intelligent nachverdichtet. Fassadengestaltungen und Gründächer sollen dazu beitragen, dass sich Gebäude nicht so stark durch Sonneneinstrahlungen erhitzen und einen Beitrag zum Mikroklima leisten.

(Das Gespräch führte Lisa Janzen. / Foto oben: Jens Lehmkuehler / Foto Text: WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH/Ginter)