Onlinehandel als Wachstumstreiber

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ist Vorsitzender der Geschäftsführung
der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH

Herr Heyer, welche übergreifenden Trends prägen Ihrer Erfahrung nach derzeit den Markt der Logistikimmobilien?

Andreas Heyer: Der Onlinehandel ist einer der stärksten Wachstumstreiber für die Branche. Dieser zeigt sich vor allem in einem hohen Bedarf an Flächen in den Ballungszentren, nicht nur für Großobjekte – beispielsweise Amazons Logistikzentrum in Achim –, sondern auch in Verteilzentren, welche die innenstadtnahe Logistik bedienen können. Ein konkretes Beispiel ist das 2019 in Bremen eröffnete Amazon-Verteilzentrum im Bremer Güterverkehrszentrum. Zu den weiteren Trends gehören unter anderem Nachfrageveränderungen im Zuge der Coronakrise sowie die Themen nachhaltige sowie flächensparende Logistik.

Inwiefern hat die andauernde Corona-Pandemie zu einer Veränderung der Strukturen und Flächenbedarfe in der Logistik geführt?

Die Coronakrise hat neue Herausforderungen für die Logistikbranche mit sich gebracht. Logistikimmobilien können die notwendigen Puffer bieten, um unsichere Situationen zu überbrücken und die regionale Verfügbarkeit von Waren zu erhöhen und so Lieferengpässe und damit Produktionsstillstände zu vermeiden. Dies gilt beispielsweise für Krisengüter im medizinischen Bereich, wo die Coronakrise eindrucksvoll gezeigt hat, wie schnell es zu Marktengpässen kommen kann. Hier ist in Zukunft eine höhere Lagerhaltung zu erwarten. So erscheint der Aufbau von Reserveinfrastruktur und Suprastruktur überlegenswert. Eine nachhaltige Änderung globaler Lieferstrukturen ist aber immer auch eine Wettbewerbsfrage und die Vorteile von globalen Lieferketten mit just-in-time-Prozessen stehen hier den höheren Kosten einer Vorratslagerhaltung entgegen. Hier wird die Zukunft zeigen, ob der Trend auch im Wettbewerbsumfeld langfristig anhält und damit zu einem höheren Bedarf an Flächen führt.

Wie gut spiegelt denn der Markt in Bremen Ihren Analysen zufolge die aktuellen Entwicklungen und Herausforderungen wider? Wie konkurrenzfähig ist der Standort?

Bremen bietet mit seiner exponierten Lage an der Weser, der idealen Anbindung an das Hinterland – über Straße, Schiene und Luft – und der unmittelbaren Nähe zur Nordsee ausgezeichnete infrastrukturelle Standortvorteile. Mit ihren rund 115.000 Beschäftigten ist die Logistik einer der dominierenden Wirtschaftszweige in der Metropolregion Bremen-Oldenburg und einer der Motoren der Bremer Wirtschaft. Mit erstmals mehr als drei Millionen Quadratmetern Hallenfläche liegt Bremen 2020 auf einem Spitzenplatz im bundesweiten Vergleich. Die große Leistungsfähigkeit und Bremens Top-Position auf dem Logistikimmobilienmarkt zeigt sich an einem Aspekt hierbei besonders deutlich: Anders als in den sogenannten „Big-5-Ballungsräumen“ Hamburg, Frankfurt, Berlin, Düsseldorf oder München, die auch die Flächen der umgebenden Regionen einbeziehen, wird in Bremen nur der städtische Raum gerechnet. Neben der idealen Lage punktet Bremen auch durch die exzellente Infrastruktur mit fünf Logistikzentren – das Güterverkehrszentrum GVZ liegt im europaweiten GVZ-Ranking auf Platz 1 und ist damit einer der leistungsfähigsten Logistikdrehkreuze auf dem Kontinent. Das hat Bremen in der Vergangenheit schon zu einem kompetitiven Logistikstandort gemacht. Im Zuge der Coronakrise zeigte sich diese Stärke abermals: So lag der Flächenumsatz mit 238.800 Quadratmetern knapp unter dem Vorjahresniveau, die Preise für Immobilien stiegen leicht, die Leerstandquote sank deutlich und die Bautätigkeit war weiterhin rege. Die Nachfrage nach neuen Immobilien ist damit am Standort Bremen konstant hoch und zeigt die Attraktivität des Standortes.

Das Güterverkehrszentrum Bremen gilt als europaweit führend in der Logistik.

Welche Perspektiven und Strömungen zeichnen sich für die Zukunft und die Zeit nach Corona Ihrer Einschätzung nach ab?

Der Onlinehandel hat durch die Coronakrise deutlichen Rückenwind erfahren – von einem Rückgang nach vollständiger Öffnung des Einzelhandels ist nicht auszugehen. Im Gegenteil: Der Onlinehandel wird auch in Zukunft weiter wachsen. Hier zeichnet sich ein weiterer Bedarf nach Flächen ab, gerade in der innenstadtnahen Logistik bis hin zu Logistikflächen in der Innenstadt selbst. Die Lieferzyklen werden sich in Zukunft weiter verkürzen und erfordern neue Konzepte der Lagerhaltung. Ob der gestiegene Bedarf nach Lagerhaltung aufgrund von krisenbedingten Engpässen auch weiterhin anhält oder der Bedarf an kurzgetakteten, globalen Lieferketten zurückkehren wird, lässt sich heute noch nicht sagen. Der sich bereits in den vergangenen Jahren abzeichnende Trend zu einer höheren Konsumentennachfrage nach einer regionaleren Produktion, gerade im Lebensmittelbereich, kann hingegen künftig zu einem höheren Bedarf besonders an kleinteiligen Logistikflächen führen, die nah an den Verbrauchenden liegen. Hinzu kommt eine höhere Nachfrage im Zuge des wachsenden Online-Lebensmittelhandels, der weitere Flächen zur Expansion benötigen könnte.

(Das Gespräch führte Lisa Janzen. / Foto oben: Jens Lehmkuehler / Foto Text: WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH/Christian Ring)