Wohnungen statt Wirtschaft

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Termin auf der Baustelle (von links): Bauherr Claus-Peter Bohm, die ehemalige Kneipenbesitzerin Marita Ewald, Ute Aßmann-Bohm und Bauleiter Bernd Schilling. (Foto: Christian Kosak)

Es steht gleich neben der Borgfelder Kirche. Das hübsche weiß getünchte Gebäude mit den taubenblauen Fensterläden und dem bordeauxroten Schriftzug „Borgfelder Land-Wirtschaft“. Die Kneipe war seit den 80er-Jahren das Wohnzimmer vieler alteingesessener Borgfelder. Nach dem Schützenfest, der Taufe, der Beerdigung – in Ausnahmefällen auch schon mal vor dem Kirchgang – gab es hier über drei Jahrzehnte lang kühles Bier, warme Worte und vertrautes Schweigen. Die Wirtschaft von Marita und Horst Ewald war eine Land-Wirtschaft! Eine Bauernkneipe, kein Gasthaus. „Ein Ort, um sich voneinander zu erzählen“, sagt die ehemalige Besitzerin. Öffnungszeiten gab es nicht. Wer vor verschlossener Tür stand, klingelte. Das alles ist jetzt Geschichte. Marita Ewald hat die Landwirtschaft verkauft. Aus der Wirtschaft werden Wohnungen.

Eine dichte Staubwolke zieht durch den Hauseingang in den Vorgarten. Die Kneipe ist seit über zwei Jahren geschlossen. Horst Ewald, von Beruf eigentlich Flugzeugkonstrukteur, starb damals Ende Juli. Die Kneipe war sein zweites Standbein. Sie überlebte ihn nur ein paar Monate. Marita Ewald konnte das Erbe ihres Mannes nicht alleine weiterführen. Sie saß damals im Obergeschoss ihres Wohnhauses am Küchenfenster und blickte auf die Borfelder Landstraße. Unten war die Kneipe. Oben wohnten die Ewalds. „Ich musste die Land-Wirtschaft aufgeben“, sagt 78-Jährige ihrer alten Küche stehend. „Aber jetzt ist das Haus in guten Händen.“ Marita Ewald blickt auf eine alte Kinderzeichnung, die während der Sanierung des Gebäudes unter abgerissenen Tapeten freigelegt worden ist. Ein Mädchen lächelt von der Wand. Unten schmeißt jemand eine Flex an. Überall stehen Werkzeugkisten, Baustaubsauger, Kabeltrommeln.

1799 erstmals bebaut

Die guten Hände, von denen die Gastwirtin spricht, sind die der Bohms. Ute Assmann-Bohm und ihr Mann Claus-Peter Bohm stehen auf der Treppe zum Eingang ihres neuen Hauses in der Borgfelder Landstraße 11. „1981 sind wir nach Borgfeld gezogen“, sagt der Versicherungsmakler und zeigt auf die alte Post auf der gegenüberliegenden Straßenseite. „Da haben wir zuerst gewohnt.“ Als die Ewalds drei Jahre später die Kneipe eröffneten, war es für das Ehepaar nur noch ein Katzensprung bis an die Lieblingstheke. Dahinter stand der Wirt. „Unsere Kinder sind hier ganz natürlich bei Horst vorm Tresen groß geworden“, erzählt Bohm. Demnächst zieht einer seiner Söhne in den ehemaligen Kneipensaal. Die Zapfanlage von einst soll dann wieder an ihren alten Platz – diesmal auf einen Küchentresen. Das Leben geht weiter, sagt Bohm. Marita Ewald nickt.

1799 wurde auf dem Grundstück neben der Kirche erstmals ein Haus errichtet. 1878 ging der Hof dann in den Familienbesitz der Ewalds über. Heiko Wagener vom Borgfelder Heimatarchiv zieht einen dicken Leitzordner aus dem Regal. Im alten Feuerwehrhäuschen hinter dem Borgfelder Ortsamt hat er die Geschichte der Landwirtschaft archiviert. Der Hof war schon „ehedem Versammlungsort der Landgeschworenen“, liest Wagener aus den Aufzeichnungen des Architekten und Heimatforschers Wilhelm Dehlwes vor. Familie Bohm will diesen Ort erhalten. „Ein Glücksfall“, sei so etwas, sagt der Bremer Landeskonservator Georg Skalecki. Die Bauherrn hatten sich an das Landesamt für Denkmalpflege gewandt, um zu erfahren, ob die alte Landwirtschaft unter Denkmalschutz stehen würde. Dabei hatten sie erfahren, dass das 1799 errichtete Haus nach einem Brand von 1931 durch einen Neubau ersetzt worden war. Archivar Wagener findet dazu noch Zeitungsartikel. Drei Gehöfte und fünf Scheunen brannten damals im Borgfelder Ortskern ab.

Das heutige Gebäude steht nicht unter Denkmalschutz, ist für die Bohms aber dennoch erhaltenswert. Alte Leuchter, Kacheln, die Zapfanlage und der Schriftzug „Borgfelder Land-Wirtschaft“ lagern zur Zeit in ihrer Garage. Nach der Sanierung kommen die Erinnerungsstücke wieder an ihren alten Platz. Der Versicherungsmakler führt durch die Baustelle. An der Wand hängt ein großer Bauplan. Es duftet nach kaltem Rauch. Erinnerungen werden wach. An die flaschengrün gestrichenen Räume, die Jagdtrophäen-Sammlung, das Klavier am Eingang und an die gemütliche Theke. Stammtischfreunde trafen sich hier regelmäßig – Schützen, Jäger, Ortspolitiker.

"Die Kneipenkultur ist so gut wie ausgestorben"

Marita Ewald schüttelt den Kopf. „Das hat sich alles verändert. Die Kneipenkultur ist so gut wie ausgestorben“, sagt sie. Dazu beigetragen habe das Rauchverbot ab 2007. Horst Ewald machte die Landwirtschaft damals zur Raucherkneipe. „Die Alten machten das mit“, sagt Marita Ewald. „Aber es kamen keine jungen Leute nach.“

So sei das bei vielen Kneipen, bestätigt Denkmalschützer Skalecki. „Wir beobachten das bei vielen historischen Instanzen, die früher der Mittelpunkt im Ort waren und sind froh, wenn die Gebäude möglichst authentisch erhalten bleiben.“ Wirtschaftlich seien die meisten Kneipen heute nicht mehr tragfähig. Trotzdem seien sie „eine Erinnerung an das, was mal war“.

Ein paar Wände muss Bohm noch einreißen lassen. „Die jungen Leute wollen das ja so loftmäßig wie möglich haben“, sagt er. Bodentiefe Fenster, überdachte Terrasse, aber das Meiste bleibt wie es ist. Auch die alten Buchstaben für den Schriftzug will Bohm wieder anbringen lassen. Wenn alles fertig ist, soll wieder „Borgfelder Land-Wirtschaft“ über dem Hauseingang stehen. Allerdings unbeleuchtet, räumt der Bauherr ein. Er will keine falschen Hoffnungen wecken. Die Kneipe bleibt geschlossen. (Autorin: Petra Scheller)